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Was passiert, wenn du aussprichst, was dich bewegt?

Angela & Dieter Ehrenreich

Hand aufs Herz: Wenn wir miteinander reden – und mehr noch, wenn wir streiten –, dann geht es erstaunlich oft um eine von zwei Fragen. Entweder: Wer hat recht? Oder: Wem geht es schlechter, wer trägt die größere Last?

Wir beobachten das seit Jahren – in unserer eigenen Beziehung und in der Begleitung von Paaren. Und irgendwann ist uns etwas aufgefallen: Nicht alle machen das so. Manche Menschen, manche Gruppen, manche Paare tun wie selbstverständlich etwas anderes. Sie teilen ihre Sicht, hören der anderen wirklich zu – und verzichten darauf, möglichst schnell zu einer einhelligen Meinung oder einer Lösung zu kommen.

Das hat uns neugierig gemacht. Wir wollten verstehen, was diese Haltung trägt – psychologisch und weltanschaulich. Und wir mussten gar nicht weit suchen.

Drei Fäden

Zuerst kam uns Elisabeth Lukas in den Sinn, eine Schülerin von Viktor E. Frankl und eine große Logotherapeutin. „Verstehen ist wichtiger als verstanden werden”, sagt sie, wenn es um gelungene Kommunikation in Familien geht. Die Sichtweise des anderen zu kennen, ist für sie das Zentrale – bevor man sich überhaupt auf den Weg zu einer Lösung macht.

Dann fiel uns Eugene Gendlin ein. In seiner Art, Menschen zu begleiten – dem Focusing – beschreibt er, dass es ein Explizieren braucht: das Innere, das schon Gewusste, aber noch nicht Gesagte nach außen bringen. Genau das unterstützt eine natürliche Vorwärtsbewegung in uns.

Und schließlich, sozusagen als Unterstreichung, sind wir auf Carl Honoré gestoßen, einen Vordenker der Slow-Bewegung (Slow Food und mehr). Von ihm stammt der Satz: „In einer Welt, die süchtig nach Geschwindigkeit ist, ist Langsamkeit eine Superkraft.”

Das Bild, das daraus entstanden ist

Um schwierige Themen als Paar gemeinsam gut anzugehen, braucht es einen Austausch, in dem jede und jeder die eigene Sicht darlegen darf – ohne dass die anderen sofort antworten. Stattdessen versuchen sie, möglichst viel zu verstehen, die eigene Resonanz auf das Gehörte wahrzunehmen und sie vielleicht anzubieten.

Wenn das alle respektvoll tun, setzt etwas ein, das Gendlin „carrying forward” nennt: eine Vorwärtsbewegung, die das Thema und alle Beteiligten umfasst – und uns langsam, Schritt für Schritt, einem gemeinsamen Umgang mit dem Thema näherbringt.

Was heißt das in der Praxis?

Setzt euch an einen Tisch und erzählt einander, wie es für euch ist – jetzt, in diesem Moment, mit dem Thema, das gerade ansteht.

Eine erzählt, der andere hört zu. Das darf sich abwechseln wie in einem normalen Gespräch. Stell dir vor, du stellst deine Sichtweise wie ein gefülltes Glas vorsichtig auf den Tisch – du schüttest den Inhalt nicht über dein Gegenüber. 😉 Die andere kann es ansehen, darauf Bezug nehmen oder es einfach unkommentiert stehen lassen. Und wenn alles gesagt ist, dürfen wir es für den Moment gut sein lassen. Falls nötig, knüpfen wir später auf dieselbe Weise wieder an.

Vermengen – Kneten – Rasten lassen

Es ist ein bisschen wie beim Brotbacken. Wir vermengen die Zutaten, dann kneten wir – und dann muss der Teig rasten, damit er sich entwickeln kann.

Auch bei schwierigen Themen hilft dieses Rasten. Es meint nicht aussitzen oder ignorieren. Es meint: nach dem Kneten Geduld haben, damit etwas Großartiges entstehen kann.

Also: Vermengen – Kneten – Rasten lassen. Kneten – Rasten lassen …

Viel Spaß beim Ausprobieren!